„Nach meinem Abitur habe ich zwei Monate in Asha Vihar verbracht. Ich hatte über Bekannte von diesem Ort gehört, bin neugierig geworden und schließlich allein nach Indien gereist. Was mich dort genau erwarten würde, wusste ich selbst nicht so richtig. Heute ist Asha Vihar für mich viel mehr als irgendein Ort, an dem ich zwei Monate verbracht habe. Es ist ein Ort, an den ich mich wie an ein zweites Zuhause zurückerinnere und an den ich unbedingt wieder zurückkehren möchte.
Asha Vihar liegt im Bundesstaat Jharkhand und bedeutet „Ort der Hoffnung“. Das Projekt entstand 1995 zunächst als kleine Klinik und ist über die Jahre zu einem großen Campus mit Krankenhaus, Kinderdorf, Reha-Angeboten und verschiedenen Projekten in den umliegenden Dörfern gewachsen. Besonders beeindruckt hat mich dabei, dass Asha Vihar heute ganz selbstverständlich vom Leben und der Arbeit der Menschen in der Region getragen wird.
Viele berührende Erlebnisse hatte ich im Children’s Village. Dort leben Mädchen und Jungen nach Geschlecht getrennt in ihren jeweiligen Häusern zusammen. Die Kinder und Jugendlichen sind etwa zwischen sechs und 20 Jahre alt. Viele von ihnen kommen infolge von Armut oder dem Verlust eines oder beider Elternteile nach Asha Vihar. Hier bekommen sie ein Zuhause, regelmäßige Mahlzeiten, Betreuung und vor allem die Möglichkeit einer guten Schulbildung und später einer Berufsausbildung. Das Ziel dabei ist nicht, sie dauerhaft von dem Projekt abhängig zu machen. Im Gegenteil: Sie sollen die Möglichkeit bekommen, ihr eigenes Leben selbstbestimmt zu gestalten. Viele Mitarbeitende wurden in Asha Vihar selbst ausgebildet, und auch ehemalige Kinder des Kinderdorfes finden hier ihren beruflichen Weg und übernehmen Verantwortung innerhalb des Projekts.“
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„Ich durfte für zwei Monate in diesen Alltag eintauchen. Meine Aufgabe war vor allem, die Kinder beim Lernen zu unterstützen. So habe ich zwei Mädchen Deutschunterricht gegeben, ihnen mit den Vokabeln und Hausaufgaben geholfen und auch über das Lernen hinaus viel Zeit mit ihnen verbracht.
Am Anfang waren sowohl die Kinder als auch ich ziemlich schüchtern. Das änderte sich allerdings erstaunlich schnell. Beim Volleyballspielen, beim gemeinsamen Henna-Malen oder als die Kinder mir gezeigt haben, wie man traditionell mit den Händen isst, entstanden ganz selbstverständlich erste engere Kontakte. Abends habe ich die Mädchen oft noch zurück zu ihrem Haus gebracht – ein gemeinsamer Abendspaziergang. Aus den anfänglichen Berührungsängsten wurde schnell eine Vertrautheit, die ich bis heute vermisse.
Besonders beeindruckt hat mich, wie groß die Kinder träumen. Viele von ihnen hatten ihr ganzes bisherige Leben an diesem einen Ort verbracht und blickten trotzdem mit einer unglaublichen Zielstrebigkeit in ihre Zukunft. Gleichzeitig waren sie einfach Kinder: laut, lustig, manchmal albern und voller Humor. Der Zusammenhalt untereinander hat mich dabei besonders berührt. Sie waren füreinander eine große Familie. Vielleicht ist genau das eine der nachhaltigsten Erinnerungen, die ich mit nach Hause genommen habe.
Auch der Alltag in Asha Vihar ist mir sehr lebendig geblieben. Wir sind früh morgens aufgestanden, gemeinsam mit den Vögeln. Nach dem Frühstück haben sich alle Mitarbeitenden zu einer gemeinsamen Zusammenkunft getroffen – eine Art Morgenappell, der für mich schnell zu einer schönen Routine wurde. Anschließend ging jeder seinen Aufgaben nach. Zum Mittagessen kamen alle wieder zusammen, und auch nach der Arbeit saßen wir häufig noch bei einem Chai beieinander. Und manchmal haben wir einfach nur gemeinsam auf die riesig große rote Sonne geschaut, die über Asha Vihar unterging.
Neben diesem Alltag gab es viele besondere Momente. Oft bin ich mit den Kindern mit dem Fahrrad in das nächstgelegene Dorf gefahren, wir haben gemeinsam Holi gefeiert und Moskitonetze in den umliegenden Dörfern verteilt. Dabei bekam ich auch einen Einblick in die Lebensbedingungen außerhalb von Asha Vihar. Gerade das war für mich ein großer Realitätscheck. Die Armut in der Region und die Lebensrealität vieler Menschen sind ganz anders als alles, was ich aus meinem eigenen Alltag kannte. Diese Erfahrung hat mir die Augen geöffnet und mich vieles hinterfragen lassen.
Auch die Klinik gehörte zu meinem Alltag. Ich schaute bei Akupunkturbehandlungen zu und begleitete einen Arzt in seiner Sprechstunde, wobei er mir unendlich viel von seiner Arbeit erklärte. Besonders interessant war für mich die Physiotherapie, bei der ich unter Anleitung auch selbst mithelfen konnte. Viele der Patientinnen und Patienten kommen nach Schlaganfällen und für Rehabilitationsbehandlungen in die Station. Häufig werden sie während der gesamten Behandlung von ihren Familien begleitet – als fester Bestandteil des Alltags und Stütze der Patientinnen und Patienten. Asha Vihar verbindet dabei verschiedene medizinische Ansätze und bietet insbesondere Menschen, die sich eine Behandlung sonst nicht leisten könnten, medizinische Versorgung an. Gerade das ist in der Region sehr wichtig, es bringt deutliche Verbesserungen der Lebenssituation mit sich. Das Spendengelder aus Deutschland hier unmittelbar eine so spürbare Wirkung zeigen, hat mich sehr beeindruckt.“
„Auch für mich persönlich waren diese Einblicke sehr wertvoll, denn ich möchte demnächst Medizin studieren. Und das nicht etwa, weil ich nach zwei Monaten Asha Vihar plötzlich das Gefühl bekommen hatte, schon viel über Medizin zu wissen – eher im Gegenteil. Ich habe gemerkt, wie viel ich noch lernen möchte und wie vielfältig medizinische Arbeit sein kann. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass medizinische Versorgung gerade dort wichtig ist, wo sie nicht selbstverständlich ist.
Wenn ich ein Resümee ziehen soll, was ich aus Asha Vihar mitgenommen habe, so will ich das aber nicht auf Medizin oder einzelne Aufgaben reduzieren.
Ich wohnte dort in einem eigenen Zimmer, bekam drei Mahlzeiten am Tag und war von Menschen umgeben, die mich sehr herzlich aufgenommen haben. Ich bin in einen Alltag hineingewachsen, der zunächst völlig fremd war und mir schon nach kurzer Zeit vertraut vorkam.
Vielleicht ist es genau das, was Asha Vihar für mich so besonders gemacht hat: Ich hatte nie das Gefühl, dort nur „zu Besuch“ zu sein. Ich durfte ein Teil dieses kleinen Kosmos werden. Ich habe dort Menschen kennengelernt, die mir fehlen, sobald ich an Asha Vihar denke. Ich habe gelernt, dass Hilfe nicht immer bedeutet, selbst im Mittelpunkt zu stehen, sondern manchmal einfach bedeutet, sich einzufügen, zuzuhören, mitzumachen und voneinander zu lernen.
Zwei Monate sind vergangen, aber das Gefühl, das ich mit Asha Vihar verbinde, ist geblieben. Für mich ist dieser Ort deshalb nicht nur eine Erinnerung an meine Zeit nach dem Abitur. Er ist ein Ort, an dem ich mich Zuhause gefühlt habe – und einer, an den ich hoffentlich eines Tages zurückkehren werde.“

