Asha Vihar 2017
Wo soll ich anfangen? Am besten am Anfang, also bei der Entscheidungsfindung, ob ich 2017 nochmal mit nach Asha Vihar fliegen würde oder nicht, denn unglücklicherweise fiel das OP- Camp dieses Jahr genau in meine Prüfungsvorbereitungsphase, sodass ich zuerst gedacht habe, ich sollte nicht mitfliegen.
Nachdem mir aber bei einer Freundin ein Indien- Reiseführer in die Hände gefallen ist, den ich zufällig auf der Seite über Kalkutta aufschlug, habe ich meine Meinung schlagartig geändert und so war ich dieses Jahr glücklicherweise doch dabei.
Nach einem langen Flug und einer langen, klapprig- holprigen Busfahrt von Kalkutta nach Asha Vihar (das ca. 400 km nordüstlich von Kalkutta liegt) inklusive geplatztem Reifen mitten auf dem „Highway“ kamen wir irgendwann im Dunkeln, zwar müde und völlig gerädert, aber trotzdem glücklich und voller Tatendrang in Asha Vihar an.
Am nächsten Vormittag wurde der OP vorbereitet und das OP- Camp konnte starten. Da ich zum vierten Mal dabei war, war der OP- Alltag nichts Neues für mich, was aber nicht heißt, dass es nicht trotzdem immer wieder spannend ist und es vieles zu erfahren und erleben gibt. Besonders beeindruckt hat mich ein etwa 12-jähriger Junge namens Ruplal mit beidseits enorm nach vorn gebogenen Schienbeinen, der dadurch nicht laufen, sondern nur ein paar Schritte watscheln konnte und darum nicht in die Schule gehen konnte. Trotz seiner Behinderung ist er ein fröhliches, aufgewecktes, verschmitztes und neugieriges Kerlchen. Diesem Kind wurden beide Beine begradigt und ich möchte ihn unglaublich gerne mal laufen sehen, darum möchte ich im nächsten Jahr unbedingt wieder nach Asha Vihar, wenn er zu Materialentfernung wieder kommt.
Das Team war dieses Jahr unglaublich homogen und einfach toll. Es gab keine Reibungen oder Probleme, alle haben wunderbar zusammen gearbeitet. Ich würde fast sagen, es war das angenehmste und lustigste Team, mit dem ich bisher dort gearbeitet habe.
Das letzte Mal war ich vor zwei Jahren in Asha Vihar, und seitdem hat sich viel geändert. Denn Binoy, der bisher vor Ort unser Ansprechpartner war – ein ganz toller, lieber, offenherziger und intelligenter Mann, ist leider 2015 unter schrecklichen Umständen ums Leben gekommen, sodass nun Birgit und Andy, ein Pärchen aus Berlin, Asha Vihar vor Ort leiten und betreuen. Sie sind zwei wunderbare Menschen, die sich dem Prjojekt mit Herzblut und Hingabe verschrieben haben und den Laden – salopp gesagt- rocken!
Ich ziehe meinen Hut vor ihrem Mut, ihrem Elan und ihrem Durchhaltevermögen dieses Projekt in einem uns so fremden Land mit einer uns oft völlig fremden und unverständlichen Kultur voranzutreiben, zumal gerade in dem Gebiet rund um Asha Vihar die alten Traditionen noch sehr verankert sind.
Für mich war das schönste Erlebnis zu sehen wie die beiden mit viel Feingefühl, Herz und Verstand alte Traditionen versuchen aufzuweichen, indem z.B. Leute, die nach indischem (Kasten-) Denken auf der untersten Stufe stehen, neue und wichtige Aufgaben bekommen, um ihr Potential zu fördern. So hat Harry, der Fahrer in Asha Vihar, die Aufgabe bekommen dafür zu sorgen, dass der Generator einwandfrei läuft, ohne den das OP- Camp nicht reibungslos ablaufen könnte. Diese neue Aufgabe erfüllt Harry mit viel Stolz und Akribie und es hat ihm den Antrieb gegeben, nun doch Lesen und Schreiben und Englisch lernen zu wollen, was er bisher kategorisch abgelehnt hat. Diese Erweiterung von seinem Horizont beeindruckt mich sehr.
Auch der Umgang mit den Kindern in Asha Vihar, egal ob Waisen- oder OP- Kind, von Andy und Birgit ist sehr warmherzig und sie versuchen immer den Kids ein Lachen oder Kichern zu entlocken, was gar nicht so leicht ist, denn indische Kinder werden ab einem bestimmten Alter sehr ernst und versuchen immer Contenance zu wahren. Zu den Essenszeiten wurden die indischen Mitarbeiter eingeladen mit uns an einem Tisch zu essen und nicht, wie es sich nach ihrer Auffassung aus Respekt gehört, getrennt von uns. Als das gesamte Team von einem indischen Arzt, Dr. Anil, der schon lange Jahre Kontakt zu Asha Vihar hält und viel hilft, zum Essen zu ihm nach Hause eingeladen wurde, kamen sowohl der indische Arzt von Asha Vihar, Dr. Sahoo, als auch die Fahrer, die normalerweise im Wagen warten, mit.
Kurioserweise waren es zwei Fahrer für einen Bus: einer, der fährt und ein zweiter, der dem ersten beim Sehen hilft, da der erste damit manchmal Probleme hat. Klingt beängstigend, klappt aber sehr gut.
Letztendlich habe ich noch nie so deutlich wie hier gesehen und erlebt, dass sich wirklich eine andere Tür öffnet, wenn sich eine andere schließt.
Durch das Schreiben dieses kurzen Berichtes, und dadurch alles nochmal Revue passieren zu lassen schwelge, ich jetzt wieder in Erinnerungen, bereue es keine Sekunde, dass ich trotz Prüfungsstress mitgeflogen bin (zumal die Prüfungen alle sehr zufriedenstellend gelaufen sind und ich mich schwarz geärgert hätte, wäre ich deswegen nicht mitgeflogen!) und freue mich schon auf das nächste Mal.
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Als Nächstes wurden hinter der Orthopädiewerkstatt der Lagerraum sowie hinter den Akupunktur-räumen ein ehemaliger Zahnbehandlungsraum (??, mit Armaturen und Bohrerantrieb durch Wasserkraft..) komplett „entrümpelt“: …es stapelten sich im Laufe der Jahre viele defekte Rollstühle, Fahrräder, Laufbuchsen und Kolben des alten Notstromgenerators und sonstiger Metallschrott, der nun zum größten Teil durch Schrotthändler noch gewinnbringend entsorgt ist. Gleichzeitig wurden unbenutzte Fensterrahmen mit Rundbögen „wiederentdeckt“, die gerade jetzt in der Renovierungsphase gut verwendet werden können.
Im ehem. Ortho-Lager kann nun ein (neuer) Arbeitsplatz (?) entstehen, nachdem der Elektriker Ambuj den Strom verlegte für Licht und Steckdose. Und noch sind weitere zwanzig zerlegte und verpackte original wheel chairs dort gelagert, dazu die Fenster und Öffnungen neu mit Draht gesichert vor „Eindringlingen“ hatten doch Ratten, Mäuse und Vögel ein unhygienisches Chaos im lange unbenutzten Raum hinterlassen!
An dieser Stelle möchte ich ein ‚Friede sei mit Ihr!‘ zu einem Opfer der Reinigungsaktion sagen, kennen doch die indischen Helfer keine Gnade, wenn eine Ratte ihnen ‚vor den Besen‘ kommt – sie hatte keine Chance….
 Die Spiel- und Therapiegeräte im Außenbereich wurden mit einem frischen bunten Anstrich versehen, nachdem neue Halterungen mit Kugellagern nunmehr einen ruhigen Schaukel-Swing ermöglichen. Zusätzlich sind weitere therapeutische Hilfen angebracht: Gummistreckbänder (aus alten Schläuchen), Haltegriffe für Schulter-/Armtherapie (aus Bambus), zwei Sitzmöglichkeiten für eingeschränkt geh- oder bewegungsfähige Personen (aus alten Plastikstühlen).
Zwischendurch wurden aber auch einfache Erleichterungen fabriziert: Frittierpfanne und Röstgitter des kitchen (Küche) bekamen kleine eiserne Ständer und neue Bambusgriffe; Infusionsständer wurden wieder hergerichtet (..ja, Magda,’Ruhe‘ jetzt!); die Fahrräder mancher Kollegen ‚fanden den Weg‘ zur Inspektion; Spielzeug der AV-Kinder ebenso….
Die intensivste, sich ‚wie ein Wunder‘ ungewollt (!) ergebende Betätigung fiel in den zweiten Teil meines zweinhalbmonatigen Aufenthaltes: die Herstellung von Hilfsmitteln für stroke-Patienten (Schlaganfall), um die betroffenen Körper-, Muskel- oder Sehnenbereiche auch durch geeignete Bewegungen wieder zu stimulieren (dies soll zusätzlich zur gewohnten Akupunktur- oder Physioverordnung für diesen Patiententeil auf dem Tagesplan stehen…).
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Entstanden war diese Aktion durch ‚einfaches Hinschauen, Rein-Fühlen, Handeln‘: ..ich sah einige von Angehörigen gestützte oder geführte Stroke-Patienten bei ihren z.B. unsicheren Gehversuchen und bot ihnen zur Erleichterung jeweils eine passende, vorher hergerichtete fahrbare Gehhilfe an, damit sie eigenständiger eine jeweilige Bewegung üben sollten – die gelagerten (gespendeten) Gehhilfen bekamen nun wieder den ihnen zugedachten Sinn. Der junge Akupunkturdoktor Pawan hatte dies beobachtet, machte sich ’seine Gedanken‘ dazu und sprach mich an: …„Peter-da (Respekts-Anrede, ich war ja auch ‚der Ältere‘), can you make this…, or that….?“ – und so entstanden nach und nach als Prototypen gedachte erste Übungsgeräte (!) für Schulter-/Armbereich, Handgelenk, Hüft-/Knie- oder Fuß-Beeinträchtigungen. Angebracht wurden diese Hilfen im Raum der staff canteen, die sonst nur zu Beginn des OP-Camps zum Sichten und Begutachten aller Kinder für vorgesehene Operationen genutzt wird..
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Manche Bilder ’sprechen für sich‘ und zeigen Mensch und Bewegungsabläufe… – die Gefühlsreaktionen der daran übenden Patienten waren überwältigend und herzergreifend für mich! Jede Person war unterschiedlich in ihrer Beeinträchtigung, doch (fast) jeder wusste einzuschätzen, was eine Verbesserung der Gehfähigkeit, der Fingerfertigkeit, der Muskelkondition für ihn bedeuten würde…
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Und zu erleben, dass ein Patient in einer Dankbarkeits-Geste mein Herz und Füße berührt oder ein älterer Mann sich dafür bedankte, dass er nun nicht mehr (!) der Hilfe seiner Tochter bedurfte, wenn er die (indische) Toilette verlassen wollte, ist schon ein selten erlebtes Glücks(?)moment – nur durch die Anbringung eines einfachen eisernen Handgriffes in Kniehöhe, hergestellt aus dem Rahmenteil eines schrottigen wheel chairs – er bekam ihn zur Abreise dann geschenkt, die Herstellung eines neuen dauerte 45 min – wenn denn energy (sprich elektrischer Strom) da war….!!
Zu erzählen gäbe es noch viel, Holi-Festival in buntesten Farben, Baden im Fluß, Einkauf in Bokaro.!..  – die Zeit verlief wieder wie im Fluge und machte – wieder mal – Lust auf mehr!
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Und die letzten zwei Wochen erlebte meine Sabine ‚die Vision von Asha Vihar‘ (die sie bisher nur von meinen Erzählungen oder den Berichten von Claudia und allen anderen Germans kannte, die dort tätig waren), indem sie im neuen rehabilitation room mit den Patienten arbeitete oder täglich Singstunde für die AV-Kinder gab,…
Was soll ich sagen: ..sie will wieder hin!!
Genau wie ich..!
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